Ulm Messe, Start des Einstein-Marathons. Wir sind frühzeitig angereist und parken das Auto aus strategischen Gründen, die Innenstadt ist weitestgehend für Autos gesperrt, etwas außerhalb und fahren mit dem öffentlichen Nahverkehr in die Stadt.
Die Messehalle ist voll von Menschen in Laufkleidung und ich gestehe mir recht schnell ein: die sehen alle fitter aus als ich, und das wird über den Wettkampf hinaus von Bedeutung bleiben. Ich lasse mich davon in der Situation aber nicht stören oder beeindrucken und suche lieber die Nebenhalle, in welcher zahlreiche Umzugs-LKWs stehen, die die Starterbeutel ins Ziel bringen werden. Nach etwas Suchen und Rumfragen finde ich den richtigen und gebe den Beutel samt Inhalt ab. Naturgemäß läuft man hier auch dem/der einen oder anderen Bekannten über den Weg, also kurz abklatschen und Motivation zusprechen, dann weiter.
Ich bin mir absolut sicher, dass ich heute finishen werde, aber langsam wird es wirklich ernst. Ein letzter Klogang noch, und dann geht es um kurz nach neun Uhr an den Start bzw. wir stellen uns dafür an. Der Halbmarathon startet zeitgleich mit dem vollen Marathon sowie den Nordic Walkern, somit sind tausende Läufer mit und ohne Stöcken zeitgleich am selben Ort, der Anfang ist von hinten nicht zu erkennen. Nach vorne staut es sich hunderte Meter und wir kommen zunächst nur schrittweise voran. Bis wir schließlich an der Startlinie sind, vergeht seit dem Startschuss nochmals eine gute halbe Stunde, in der Zeit waren die ersten Läufer bei der Halbzeit. Schließlich gehen wir aber zeitgleich über die Kontaktschleife, der Lauf hat begonnen.
Der Plan sieht vor, zunächst 28 Minuten am Stück stadtauswärts zu Laufen und, egal wie gut es funkioniert, danach zwei Minuten Gehpause einzulegen, anschließend geht es so lange wie möglich weiter im Rhythmus 13/2. Ich versuche, in den Pausen halbwegs zügig zu gehen, damit wir nicht so viel Zeit verlieren. Von anderen Halbmarathonläufern ist schon nach wenigen hundert Metern, wir hatten uns wie schon geschrieben sehr weit hinten für den Start eingereiht, kaum mehr jemand zu sehen, stattdessen teilen wir uns die Strecke fast ausschließlich mit Nordic Walkern, welche von der Pace her recht identisch zu uns unterwegs sind. Die Stimmung ist herausragend gut, alle haben super Laune, wir ebenfalls. Auch das Wetter macht mit, es gibt strahlenden Sonnenschein.
Die großen Kilometerschilder am Straßenrand helfen bei der Orientierung, ob wir zu schnell oder zu langsam sind. Kilometer 10 beschreibt die ungefähre Hälfte und wir erreichen diese in etwas über 1:25 Stunden. Damit bin ich sehr zufrieden und wenn das so weitergehen könnte, wäre es super, aber das dicke Ende kommt erfahrungsgemäß erst noch. Bei Kilometer 15 sind wir nach einer großen Passage an der Donau entlang wieder in der Ulmer Innenstadt angekommen, und hier sind noch mehr Zaungäste am Streckenrand als unterwegs zu sehen. Es gibt zudem viele Musikbands und Trommlergruppen, welche einen nach vorne tragen und eine tolle Unterstützung sind, so macht Laufen Spaß! Leider merke ich, dass ich um einiges schneller als erhofft müde werde. Die Schritte werden auf einmal viel schwerer und die anfängliche Dynamik, sofern man diese so nennen darf, ist jetzt verflogen.
Ab Kilometer 18 beginnen wie vor 13 Jahren die Probleme so richtig und ich gestehe mir ein, dass ich die längeren Distanzen noch mehr ins Training hätte einbauen müssen. Statt einmal 15 Kilometer hätte ich das besser zweimal gemacht plus einmal noch eine deutlich längere Einheit, und das rächt sich jetzt, wenn man so will. Aber das Ziel ist heute nach wie vor "Ankommen, irgendwie" und so kurz vor dem Schluss besteht kein Zweifel, dass dieses erreicht wird. Dennoch kommen die Schmerzen allmählich gefühlt überall durch, die Waden und Oberschenkel machen langsam immer mehr zu, es fühlt sich an wie zwei riesige schwere Torflügel, die sich in Zeitlupe schließen. Elmar meinte zuvor, ich solle am Ende alles tun, was mich irgendwie ins Ziel bringt und so türmen sich die Gehpausen nun. Ich würde die Schmerzen und die Muskelanspannung gerne sonstwie wegdehnen, aber es funktioniert nichts mehr, es ist alles komplett dicht.
Dann bricht der allerletzte Abschnitt an. Kopfsteinpflaster. Die Streckenführung beim Einstein-Marathon bedingt leider äußerst unbequemes Kopfsteinpflaster mit tiefen und breiten Fugen auf den letzten tausend Metern, das war schon immer so. Ich will nur noch ankommen, aber gefühlt geht jetzt rein gar nichts mehr. Die Hirschstraße hoch blockieren die Beine vollends und es kommt nunmehr alles zusammen, also legen wir nochmals eine, wie es mir vorkommt, unendlich lange Pause wenige hundert Meter vor dem Ziel ein, es geht nicht anders. Wir sind aber auch seit über drei Stunden auf der Strecke, so lange war ich noch nie in meinem Leben derart unterwegs, also ist das alles keine übergroße Überraschung. Also nochmals ein hoffentlich letztes Mal besinnen, mehrfach tief durchatmen, fest auf die Zähne beißen und die allerletzten Reserven aktivieren, und schließlich ziehe ich mich nach einer gefühlten Ewigkeit unter dem Jubel wohlbekannter sowie fremder Personen am Streckenrand irgendwie zeitgleich mit meiner Frau über die Ziellinie. Es ist geschafft, die Mission ist erfolgreich abgeschlossen!
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| Am Ziel. |
Die letzten Worte gebühren, wie ich finde, Elmar.
Epilog:
Hiermit endet dieser Blog recht abrupt. Von einer detaillierten Beschreibung der Schmerzen nach dem Lauf und den Einschränkungen in den Folgetagen sehe ich ab, auch tiefergehende Analysen beispielsweise zur Optimierung für zukünftige Missionen oder ein Lessons learned werden hier nicht mehr beschrieben. Jetzt steht erst einmal Regeneration an.
Ein paar Infos sind vielleicht noch interessant: Ich will weiterhin regelmäßig Laufen gehen und die durchaus verbesserte momentane Kondition nicht aufgeben, wobei abzuwarten ist, wie sich das über den Winter entwickeln wird. Ich möchte nun ebenfalls meine Mobilität mittels Gymnastik und Yoga (lacht Ihr nur, mir egal) verbessern, dazu gerne auch wieder andere Disziplinen wie Schwimmen oder Radfahren einbauen und das Training damit abwechslungsreicher gestalten.
Es bestehen jedoch bereits heute schon auch Pläne, den Halbmarathon sogleich im nächsten Jahr zu wiederholen und insbesondere hinten raus eine bessere Performance abzuliefern, die Zielzeit darf dann insgesamt auch durchaus deutlich verbessert werden. Ein Wunsch könnte sein, irgendwann eine neue Bestmarke aufzustellen, wofür 2:41 Stunden geknackt werden müssten. Das alles passiert dann höchstwahrscheinlich ohne Blog und es hat noch Zeit, aber: Es geht weiter.
Mein Fazit besteht aus zwei Erkenntnissen:
Erstens ist KI heute längst in der Lage, bei solch einem Projekt sinnvoll zu unterstützen und zu steuern, ich kann das guten Gewissens empfehlen, wenn man auf allerdings die Antworten immer aus zwei Perspektiven draufschaut. Probiert es gerne selbst aus.Zweitens, aber nicht zuletzt: Ohne meine Frau als ständige Motivatorin wäre all das nicht möglich gewesen, ihr gebührt mein größter Dank. Dankeschön, dass Du diese Mission mit mir durchgezogen hast und mit mir Laufen warst!


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