Man kennt das ja: Weihnachten und Silvester sind vorbei, der Winter zieht so langsam aus. Man macht Inventur bei sich selbst und stellt halb überrascht, halb die Vorahnung bestätigend fest, dass man bereits seit Jahren viel zu viel auf die Waage bringt. Der Blick in den Spiegel hält den Vergleich mit Fotos von früher in keinster Weise mehr aus.
Der frühjährliche medizinische Checkup Ende Januar bei der gut bekannten Hausärztin ergibt sogleich auch eine Überweisung zu einem Spezialisten mit dem Randvermerk "Adipositas". Was mehr oder weniger schon viel zu lange klar war, steht da jetzt zusätzlich schwarz auf rosa auf dem Überweisungsschein. Das macht etwas mit mir, das sitzt. Ich bin 49 Jahre alt und also offiziell übergewichtig. Damit bin ich nicht allein, in meiner Altersgruppe trifft das auf zwei von drei Männern zu, aber das taugt als Entschuldigung oder Ausrede nicht. Mein BMI beträgt über 33 und ich persönlich möchte das für mich ändern. Mit Motivation, aber noch ohne Plan.
Während Corona war ich das letzte Mal über einen größeren Zeitraum mit meiner Frau regelmäßig und oft Laufen gegangen und wir beide hatten eigentlich auch meistens ausreichend Spaß dabei. Das ist aber auch schon wieder fünf Jahre her, der Alltag mit drei Söhnen und einer 40-Stunden-Woche plus Ehrenämtern hat längst schon wieder fast alle Ressourcen und Energie gebunden. Alle halbherzigen Versuche der letzten zwei bis drei Jahre, wieder mit dem Laufen anzufangen, wurden von meinen Muskeln und Gelenken zudem umgehend mit tagelangen Schmerzen quittiert. Ich halte keine fünf Kilometer mehr durch.
Anfang Februar wird das Wetter besser. Meine Frau geht mir schon seit einiger Zeit auf den Keks, da auch ihr meine stattliche Erscheinung schon lange nicht mehr verborgen blieb und ihre eigene sportliche Betätigung in den letzten Monaten ebenfalls gelitten hatte. Zu Ihrem Geburtstag Ende Februar wünscht sie sich vermutlich deshalb von mir "Einmal die Woche Sport, fünfzigmal." Es geht dabei in erster Linie um gemeinsame Zeit bei sportlicher Aktivität und sie lässt mir bei der Umsetzung komplett freie Hand: Schwimmen, Radfahren, Gymnastik, es ist vieles möglich.
Der gemeinsame Sport wird aufgrund der früheren guten Erfahrungen aber zum überwiegenden Teil das Laufen bzw. Joggen sein. Geteiltes Leid ist doppeltes Leid und es sieht so aus, als würde das alles in Bälde Realität werden. Das Revival der Corona Sessions als Langzeitprojekt über ungefähr ein Jahr. Somit ist der Rahmen bereits recht klar und deutlich gesteckt.
Nur wie soll das gehen? Nach einer halben Stunde intensiverer Bewegung tut mir alles weh, meine Karriere als AH-Torwart steht nicht zuletzt deswegen bereits seit Monaten auf dem Abstellgleis. Ich hatte es durchaus auch mit Schwimmen versucht, aber auch wieder aufgegeben, die Schulter. Ich kenne die Erfolgsgeschichten, die man immer wieder liest, von anderen Läufern mit dem Thema "Von null auf Marathon in 12 Monaten", aber aus meiner Sicht sind das Einzelfälle mit ganz anders gelagerten Möglichkeiten als ich sie habe. Ich will doch eigentlich nur wieder 30 Minuten am Stück Joggen können und danach nicht tagelang irgendwelche Blessuren in Gelenken, Bändern oder Muskeln mit mir herumtragen. Glaube ich.
Es braucht außer der vorhandenen Motiviation Trainingspläne, Laufbücher, Laufblogs, sonstige Internetrecherche, womöglich einen ausgebildeten (halb)professionellen Laufcoach, die sich sich alle genau auf meine persönliche Situation ausrichten, damit alles richtige Richtung geht und die Belastung nicht zu hoch wird. Und es braucht Zeit. Viel Zeit. Viel Zeit, die ich nicht habe. Alleine für die Vorbereitung der Trainingswochen mit wann-was-wie?, und da haben wir über die Umsetzung noch gar nicht nachgedacht. Und es braucht ein Ziel, an welchem ich mich orientieren kann, auf das ich hinarbeiten kann. "Einfach so Sport" funktioniert für mich nicht.
Dann habe ich eine Eingebung. Ich arbeite in der IT und bin recht angetan, was KI grundsätzlich inzwischen zu leisten im Stande ist, also lüge ich in einem lichten Moment ChatGPT dreist an und behaupte zunächst ohne großen Hintergedanken, ich würde Ende September gerne einen Halbmarathon laufen. Im Jahr 2013 habe ich einen solchen bereits ins Ziel gebracht und weiß noch bis heute, dass das eine ganz eigene Erfahrung war mit technischem KO nach 18 Kilometern und viel, viel Schmerz in der Folge. Die Antwort wird mich vermutlich so schockieren, dass ich das sofort relativieren und das Ziel reduzieren werde. Ich formuliere also einen Prompt, vollkommen wahrheitsgemäß im ersten Absatz, reichlich gelogen im zweiten:
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| Der erste Prompt. |
ChatGPT antwortet für meinen Geschmack etwas zu euphorisch und schreibt gar, mein Ziel sei realistisch, dazu fällt das Wort "perfekt". Grundsätzlich realistisch für andere vielleicht, und perfekt ist erst einmal fast gar nichts auf der Welt. Da spricht der Informatiker in mir, Perfektion ist fast immer Illusion. Diese Begeisterung für nichts ist meiner Meinung nach noch eine der großen Schwächen von KI im Jahr 2026, und sie verleitet mich dazu, die computergenerierten Antworten nicht wirklich ernst zu nehmen.
Aber kann diese Maschine tatsächlich helfen? Die Antwort macht mir jedenfalls Hoffnung, dass zumindest die Planung der Trainingswochen und der Einheiten von der KI übernommen werden kann. Verletzungen, Rückschläge, all das kann ich künftig erfassen und die Trainingspläne bei Bedarf überarbeiten lassen. Das Ziel Halbmarathon ist bewusst deutlich zu hoch gegriffen, das gestehe ich mir ein, aber für mich ist der Weg das Ziel. Sollte das Training zu intensiv werden, kann ich das alles kurzfristig umformulieren und mich umorientieren. Und wenn ich merke, dass ich in eine Sackgasse gesteuert werde, sind ein kompletter Abbruch und Neustart immer eine Alternative.
Bei all dem fundierten Wissen, auf das von der KI zur Laufzeit zurückgegriffen werden kann, muss man natürlich immer abwägen, ob die ausgegebenen Antworten nicht eventuell doch hanebüchener Unsinn sind. Noch viel zu oft werden vom Algorithmus Fehler gemacht, die selbst ein Grundschüler nicht machen
würde. Die erste Antwort sieht auf den ersten Blick zu schön aus, um wahr zu sein, und dennoch scheint diese Computerroutine die wesentlichen
Fakten korrekt erfasst zu haben.
Es wird folgender zweistufiger Plan vorgeschlagen:
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| Das passt sehr gut für meinen aktuellen Zustand. |
Phase 1 liest sich für mich sehr angenehm und irritierend plausibel. 8 Wochen für den Wiedereinstieg, das sind zwei Monate. Ich nehme mir vor, mir diese Zeit erst einmal zu geben und entscheide dann weiter. Die Zweifel, ob der vorgeschlagene Plan am Ende wirklich aufgehen kann, sind groß, aber das ist meine Motivation wie schon geschrieben auch. Das alles will ich sehen bzw. erleben.
Die erste Antwort von ChatGPT geht über mehrere Bildschirmseiten, das ist beeindruckend. Es werden bereits grobe Wochenpläne mit Trainingsdauern vorgeschlagen, dazu gibt es auch schon ungefähre Ideen, wie der Trainingsplan sich entwickeln wird.
Es heißt weiter:
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| Die KI meint es gut mit mir. |
Dieser Hinweis lässt mich zum ersten Mal ambivalent zurück. ChatGPT gibt mir in der Überschrift "ehrliche Hinweise" und ist offenbar sehr um mein gesundheitliches Wohlergehen besorgt, wenngleich das alles inhaltlich absolut Sinn macht. Der Tonfall liest sich erschreckend mitfühlend und man soll offenbar dazu verleitet werden, die KI als menschlich anzusehen. Nicht mit mir - aber ich nehme mir vor, die Scharade auf rein sachlicher Ebene mitzuspielen.
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Der Beginn einer Brieffreundschaft |
Die Nachfragen sind präzise und erstaunlich (oder erschreckend?) valide, wer hat das der KI eingeflüstert? Ich nutze ChatGPT in der kostenlosen Version, gefühlt sind das für mich schon an Tag eins Premium-Inhalte, für die ich anderswo eine Form von Abo-Gebühren bezahlen würde. Mein Google-Konto ist verknüpft, um später auf die Inhalte zurückgreifen zu können und die Konversation weiterzuführen, ein monetärer Austausch findet nicht statt. Das alles macht auf mich reichlich Eindruck.
Ich antworte also wahrheitsgemäß:
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Der Plan wird geändert. |
Aus den ursprünglich zwei Phasen macht KI nun vier, das ist dem Algorithmus geschuldet und für mich nur in Teilen nachvollziehbar, denn eine künstliche Intelligenz sollte mehr Vertrauen in seine eigenen Programmabläufe haben, finde ich. Das scheinen aber statistische Randnotizen zu sein, da die Vorbereitungszeit sich nicht ändern wird, sondern nur die Inhalte. Aufgrund meiner sehr knappen Rückmeldung meint ChatGPT nun, den Einstieg noch niedrigschwelliger machen zu müssen.
Aus dem ursprünglichen Vorschlag..
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| Vorschlag nach meinem ersten Prompt |
..wird nun folgender:
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| Zweiter Vorschlag. |
Aus
den Intervallen 2/2 werden nun 1/4. Das empfinde ich als zu vorsichtig,
aber offenbar reagiert die KI auf meine Eingaben sehr stark, worüber
sich diverse Influenzer in ihren Videos ja auch schon lustig gemacht
haben. ChatGPT möchte jetzt noch mehr zu meiner Ananmese wissen, und
weil ich heute keine Lust habe, meine gesamte Krankenakte öffentlich zu
machen, entscheide ich mich dazu, dies nicht mehr zu beantworten,
sondern beschließe eigenmächtig einen Mittelweg. Für heute habe ich
genug mit einem Computer persönliche Informationen ausgetauscht.
Ich
informiere meine Frau, dass wir ab nächster Woche wieder zusammen Sport
machen. Sie freut sich und wird sich bei allen Aktivitäten an mir
orientieren, da mein Fitnesszustand um Längen schlechter ist als ihrer,
außerdem war das gleich zu Beginn so beschlossen worden. Sie ist bei
allem dabei.